Pädagogischer Hintergrund

Geschichte

1910 gründete Paul Geheeb (1870-1961) mit seiner Frau Edith Geheeb-Cassirer (1885-1982) die Odenwaldschule. Diese war einem reformpädagogischen, internationalen und interreligiösen Ansatz verpflichtet und richtete sich gegen die herkömmlichen "Pauk- und Drillschulen".

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war die Existenz der Schule gefährdet. Die Geheebs emigrierten mit zahlreichen Schülerinnen und Schülern sowie Mitarbeitenden in die Schweiz. 1934 gründeten sie ihre zweite Schule und gaben ihr den Namen "Ecole d’Humanité" – als Reaktion auf die nationalsozialistische Bedrohung.

Erst zwölf Jahre später fand die Ecole ihren heutigen Standort auf dem Hasliberg, im Bergdorf Goldern. 1956 schliesslich lancierte Natalie Lüthi-Peterson das amerikanische Schulprogramm, das mittlerweile von rund der Hälfte unserer Schülerinnen und Schüler besucht wird.

Pädagogische Einflüsse

Neben Paul und Edith Geheeb-Cassirer gehört der deutsche Didaktiker Martin Wagenschein (1896–1988) zu den prägenden Personen unserer Schule. Sein Ansatz des Exemplarischen Lehrens ist zentral für unsere Unterrichtsorganisation.

Eine wichtige Rolle spielt auch Ruth C. Cohn (1912-2010), Begründerin der Themenzentrierten Interaktion (TZI). Im Zentrum ihrer Konzeption stehen "lebendiges Lernen in Gruppen" und "gelingende Beziehungen" - zwei grundlegende Elemente unserer Schule.

Reformpädagogik im 21. Jahrhundert

«Aber der gesamte Bildungsweg des Menschen in seiner Ganzheit ist eine individuelle Angelegenheit, dass es (...) ein schweres Unrecht ist, auch nur für zwei Kinder dasselbe Schulprogramm aufzustellen (...). Es gilt, jedes Kind seinen individuellen Bildungsweg finden und beschreiten zu lassen.» (Paul Geheeb, 1946).

Die Worte unseres Schulgründers sind siebzig Jahre alt und aktueller denn je. Heute werden die zentralen Forderungen innovativer pädagogischer Konzepte mit folgenden Stichworten skizziert: Potenzialentwicklung, Begabungsförderung, Ressourcenorientierung.

Wir haben die in der Reformpädagogik verankerten Werte und deren Philosophie im Kontext der sich wandelnder Anforderungen laufend neu interpretiert und weiterentwickelt. Kernelemente sind:

  • Altersgemischte Lerngruppen mit vier bis zwölf Schülerinnen und Schülern, Mitsprache bei der Fächerwahl
  • Ganzheitlicher Ansatz (Kopf, Hand, Herz)
  • Exemplarisches Lernen (Learning by Doing)
  • Förderung der eigenen Potenziale (Finde deinen Weg!)
  • Persönliche Entwicklungshinweise statt Noten
  • Individuelle Betreuung (sowohl schulisch wie auch in den pädagogischen Familien)

Unsere Schülerinnen und Schüler gestalten ihr Lernen selber, unterstützt durch ihre Lehrerinnen und Lehrer ("Lernbegleiter/innen"/Tutor/innen). Wir nehmen die Jugendlichen als einzigartige Individuen wahr und zeigen ihnen, dass sie für andere wichtig sind – eine zentrale Erfahrung auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Unsere Schulorganisation ist partizipativ ausgerichtet, in der wöchentlichen Schulgemeinde zum Beispiel können sowohl die Jugendlichen wie auch die Mitarbeitenden ihre Anliegen und Ideen einbringen.

Festrede zur 100-Jahr-Feier von Barbara Hanusa

Vermächtnis

Die Ecole d’Humanité beherbergt das Archiv des Physikdidaktikers Martin Wagenschein. Falls Sie sich für die Nachlässe interessieren, wenden Sie sich an die unten stehende Ansprechperson.

Martin-Wagenschein-Archiv

Der Pädagoge, Mathematik- und Physiklehrer Martin Wagenschein arbeitete zu Beginn seiner Berufstätigkeit bei Paul Geheeb an der Odenwaldschule. Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft mit Edith und Paul Geheeb-Cassirer.

Bei allen seinen späteren Tätigkeiten in öffentlichen Schulen und in Hochschulen griff Wagenschein auf Erfahrungen aus dieser Zeit zurück. Noch zu seinen Lebzeiten entschied er, seinen Nachlass der Ecole d‘Humanité anzuvertrauen.

Kontakt

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