Wie reden wir über Sochi?

Montag, 10. Februar 2014

Text von Daniel Davis Wood. Übersetzung von Theresa Bach.

Die Schülerschaft an der Ecole d’Humanité ist momentan noch aktiver als gewöhnlich – dank der Olympischen Winterspiele, die gerade in Sochi, Russland, beginnen. Da an der Ecole kulturelle Vielfalt und unterschiedliche Lebensstile respektiert und geschätzt werden, störten sich viele SchülerInnen an der Einstellung gegenüber bestimmten Minderheiten in Russland.

Wie stehen wir als Schulgemeinschaft solchen Dingen gegenüber, die wir gerne tun oder sehen möchten und über die wir gleichzeitig kritische Schlagzeilen in der Presse lesen? Respektvolle Auseinandersetzung mit diesen Themen sowie Gespräche sind unerlässlich, um einen guten Umgang damit zu finden.

Anfang der letzten Woche fragten einige SchülerInnen, ob es möglich wäre, jeweils nach dem Abendessen Aufzeichnungen der Olympischen Winterspiele zu zeigen. Am Donnerstag diskutierte die Mediengruppe über diese Anfrage – eine Gruppe von Jugendlichen, die jeden Abend für die Ausstrahlung der Nachrichten verantwortlich ist. Mitglieder der Mediengruppe machten eine Ansage, dass sie die Höhepunkte der Olympischen Winterspiele jeden Abend zeigen würden – für jeweils zwei Stunden während der nächsten zwei Wochen. Auf diese Ansage reagierte die Gay-Straight-Alliance (GSA), eine Schülergruppe, die für Themen der LGBTQ-Gemeinschaft sensibilisiert. MitgliederInnen der GSA hinterfragten die Entscheidung, die Spiele zu zeigen, ohne zuvor über die Einstellung Russlands gegenüber Homosexuellen diskutiert zu haben.

Am Sonntagabend kam schliesslich die gesamte Ecole-Gemeinschaft zusammen, um Fragen zu diesem Thema aufzuwerfen und verschiedenen Ansichten Raum zu geben. Einige Jugendliche standen auf, um einen Boykott der Olympischen Winterspiele vorzuschlagen – also die Höhepunkte der Spiele an der Ecole nicht zu zeigen. Andere kritisierten die russische Einstellung zur Homosexualität, argumentierten jedoch, dass diese Hintergründe keine Auswirkung auf unsere Freude an den Olympischen Spielen haben sollten. Wieder andere verteidigten Russland und meinten, dass einige MitgliederInnen unserer Gemeinschaft zu wenig über die russische Kultur wüssten, um ein fundiertes Urteil zu diesem Thema fällen zu können.

Insgesamt zeigte sich am Sonntagabend eine Schulgemeinschaft, die fähig und willens ist, fundierte Argumente zu strittigen politischen Themen vorzubringen, ohne sich von Emotionen hinreissen zu lassen oder lediglich oberflächliche Argumente zu äussern.

Dass unsere SchülerInnen dazu in der Lage sind, sollte nicht überraschen, da viele von ihnen Kurse besuchen, die einen Schwerpunkt auf Diskussionen zu aktuellen Themen setzen: Middle Eastern politics, climate change politics, ecoliteracy and food politics und ähnliche Kurse. Das Besondere am Sonntagabend war jedoch, dass die Diskussion nicht in einem Klassenzimmer auf Initiative eines Lehrers stattfand, sondern dass unsere SchülerInnen versuchten, aufeinander einzugehen – klar und oft überzeugend – indem sie ihre eigene Sicht darlegten.

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