Das Outdoor-Programm, Teil 3: Wandern

Mittwoch, 13. November 2013

Text von Daniel Davis Wood. Übersetzung von Theresa Bach.

Wanderungen sind ein wesentlicher pädagogischer Bestandteil an der Ecole d'Humanité. Über das Jahr verteilt nehmen alle SchülerInnen an mehreren Wanderungen Teil. Diese Wanderungen werden durch das Outdoor-Programm der Ecole organisiert und sind eine der Aktivitäten, die wir gemeinsam mit Michel Raab – dem Verantwortlichen für Outdoor-Programm und Risikomanagement – näher beleuchten wollen.

"Wanderungen helfen unseren SchülerInnen, sich ihrer selbst bewusst zu werden, soziale Fähigkeiten zu entwickeln, Teamfähigkeit zu erlernen und Verantwortung zu übernehmen," sagt Michel. "Durch die Herausforderungen in den Bergen bieten Wanderungen unseren Jugendlichen die Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen, ihre Umgebung zu entdecken und die Natur schätzen zu lernen."

Mount Pilatus, 2012.
 

Sechs Wanderungen finden jedes Jahr an der Ecole statt: jeweils drei im Herbst- und drei im Sommertrimester. Die erste Wanderung in jedem Schuljahr ist die Blaubeer-Wanderung. Alle SchülerInnen nutzen die Wanderwege am Hasliberg und sammeln gemeinsam mit ihren Ecole-Familien Blaubeeren. Kurz darauf findet die Testwanderung für die 4-Tage-Wanderung statt. Hier werden die SchülerInnen in der Umgebung der Schule für ihre Mehrtageswanderung getestet – unter ähnlichen Bedingungen und in den bereits vorgesehenen Wandergruppen. Im September oder Oktober geht es schliesslich auf 4-Tage-Wanderung. Sie gibt unseren Jugendlichen die Möglichkeit, verschiedene Gebiete der Schweiz oder angrenzender Länder kennenzulernen. Im Sommertrimester, nachdem der Schnee geschmolzen ist, gehen alle SchülerInnen ein zweites Mal mit ihren Ecole-Familien wandern. Zum Gedenken an den Todestag des Schulgründers Paul Geheeb findet diese Wanderung am 1. Mai statt. Einige Wochen später gehen alle SchülerInnen erneut auf Testwanderung, in Vorbereitung auf die 6-Tage-Wanderung, die für Mai oder Anfang Juni geplant ist. An diesen sechs Wanderungen nehmen alle Jugendlichen Teil.

"Zeigen SchülerInnen auf einfachen Wanderungen Selbstverantwortung und eine positive Einstellung zu Teamarbeit," sagt Michel, "registrieren wir sie als Kandidaten für eine eventuelle Teilnahme an Skitourenkursen oder Wanderungen mit höherem Bedarf an Ausrüstung, wie der Hochtouren-Wanderung im Herbsttrimester oder der Skitouren-Wanderung im Sommertrimester. Beide Wanderungen benötigen ein höheres Niveau an Führung."

Wandern Foto-Galerie.
 

Pro Jahr nehmen etwa 12 SchülerInnen an solchen Hochtouren- oder Skitouren-Wanderungen teil. Eine der diesjährigen Teilnehmerinnen war Linda Markus, die nach ihrer obligatorischen Schulzeit in Schweden als Helferin an die Ecole kam. "Der vorrangige Grund, weshalb ich mich an der Ecole d'Humanité beworben habe, waren die vielen Outdoor-Angebote", sagt Linda. "An der Ecole habe ich die Möglichkeit, Sportarten auszuprobieren, zu denen ich anderswo nie die Chance gehabt hätte. Bereits zu diesem Zeitpunkt habe ich mehr Outdoor-Angebote besucht als während der letzten drei Jahre in Schweden. Die Hochtouren-Wanderung ist eine der beeindruckendsten Dinge, die ich in meinem Leben bisher erlebt habe. Hierbei habe ich erfahren, dass ich alles schaffen kann, was ich mir vornehme. Wenn man mich vor einem Jahr gefragt hätte, was ich zu diesem Zeitpunkt wohl machen würde, hätte ich sicherlich nicht geantwortet, dass ich auf Gletschern wandern würde – dass ich auf Berge klettern, mich von Felsen abseilen und mit Steigeisen steile, eisige Abhänge erklimmen würde. Aber nun – ein Jahr später – habe ich all diese Dinge gemacht!

"Ich bin mir sicher, dass diese Erfahrung einen positiven Einfluss auf jedes einzelne Teammitglied hatte", sagt Michel in seinem Bericht über die Hochtouren-Wanderung. "Wir alle kamen mit einem breiten Lächeln zurück, mit freudvollen Erinnerungen zum erzählen oder bewahren und mit einer Menge an neuen Fähigkeiten." "Danach", fügt Linda hinzu, "ist mir das erste Mal bewusst geworden, wie wichtig es ist, sich ab und zu einer Herausforderung zu stellen. Die Hindernisse, die ich während der Wanderung überwunden habe, haben mich sehr viel gelehrt und mir Selbstbewusstsein gegeben, das ich mitnehmen werde. Selbst wenn ich nie wieder Bergsteigen würde, kommen mit Sicherheit andere Herausforderungen auf mich zu. Und wenn ich mich diesen stelle, werde ich immer an meine Ecole-Wanderung denken und das, was sie mich gelehrt hat: Dass es möglich ist, alles zu erreichen, wenn man es sich nur fest vornimmt. Was mich wirklich froh macht, ist das Wissen, dass SchülerInnen an der Ecole, die jünger sind als ich, diese Aha-Erfahrung viel früher im Leben machen können als ich. Sie werden sie bereits früher verinnerlichen und hoffentlich wird ihnen dieses Wissen helfen, ihre eigenen, persönlichen Berge zu erklimmen."

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