Ruth Cohn, ein wesentlicher Pfeiler der Ecole Struktur

Mittwoch, 07. November 2018

Foto von Laurie & Sophia: Wes | Foto von Ruth Cohn: Peter Friedli

Wer war Ruth Cohn? "Eine erstaunliche Frau ... ein wesentlicher Pfeiler der Ecole Struktur", nach Sophia und Laurie, Ecole Schülerinnen im zweiten, resp. vierten Jahr. Aber wer war Ruth Cohn tatsächlich? Sophia und Laurie wussten nicht viel mehr über sie und beschlossen daher, eine "Andacht“ (das Ecole-Programm am Sonntagabend) vorzubereiten und zu leiten, um die Ecole-Gemeinschaft über Ruth Cohns Leben und ihre Beiträge zur Ecole aufzuklären.

Sarah und Alain, die seit über 40 Jahren an der Ecole unterrichten und leben, kannten Ruth persönlich. Sie beantworteten Sophias und Lauries Fragen für die ganze Gemeinde und erzählten Anekdoten und Sprüche aus Ruths Zeit an der Ecole. Im Laufe des Abends lernten wir Ruth Cohn besser kennen. Sie habe nie gefragt: "Was ist los mit dir?", sondern habe immer wissen wollen: "Was stimmt mit dir?"

Ruth C. Cohn wurde 1912 in Berlin in einer jüdischen Familie geboren. Zur Flucht vor den Nazis gezwungen, kam sie 1933 in die Schweiz und begann eine Ausbildung als Psychoanalytikerin. Im Jahr 1941 emigrierte sie in die Vereinigten Staaten, wo sie als Psychologin und Psychotherapeutin lebte und arbeitete und dabei Persönlichkeiten aus ihrem Fachbereich kennenlernte wie Abraham Maslow, Carl Rogers, Virginia Satir, Rollo May und Fritz Perls.

In den 1970er Jahren suchte Ruth Cohn nach einer Chance, um zu ihren Wurzeln in Europa zurückzukehren. Ihr Freund Hans Näf erzählte Armin Lüthi, dem damaligen Schulleiter der Ecole (1961-1995), von ihr. Armin war fasziniert und lud Ruth an die Ecole ein, damit sie helfe, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärker an die Ecole zu binden und ihnen die Ecole-Werte zu vermitteln. Ruth suchte indes nach einer Institution, in der sie ihre Philosophie der Gruppendynamik in die Tat umsetzen konnte. Es war ein perfektes Abkommen. Ruths Annahme von Armins Angebot markierte den Beginn einer langen und fruchtbaren Partnerschaft zwischen der angesehenen Psychologin und der Ecole d’Humanité. Ruth Cohn war so erfolgreich in ihrem Auftrag, dass viele der jungen Lehrpersonen, mit denen sie arbeitete, noch heute an der Ecole sind und einen stabilen Kern von Veteranen bilden; unter ihnen Alain & Sarah, Ernst & Sigrid, Fränzi & Frédéric. Sie alle sind heute noch aktiv am Ecole-Leben beteiligt.

Sarah erzählte eine Geschichte, die sowohl aufregend als auch bewegend war, und davon handelt, wie Ruth, selber noch ein Kind von neun Jahren, ein Sommerlager besuchte. Unter verzweifeltem Heimweh leidend, freundete sich Ruth mit einem anderen jungen Mädchen an, das ebenfalls ihre Familie vermisste. Ruth offenbarte ihrer neuen Freundin ein beschämendes Geheimnis: Sie hatte ein Stück Schokolade gestohlen und konnte nicht aufhören, ihren Vater anzulügen, der sie immer wieder danach fragte. Darauf vertraute die Freundin ihr auch etwas an, worauf sie nicht stolz war: Sie konnte nicht "Es tut mir leid" sagen, selbst wenn sie wusste, dass sie es tun sollte. Ruth schlug vor, dass sie ihrer Freundin einen Brief schreiben würde, wenn sie Schwierigkeiten hätte, einen Fehler zuzugeben, und dass ihre Freundin ihr schreiben könnte, wenn sie sich mühte, sich zu entschuldigen. In diesen Briefen konnten die Mädchen untereinander ehrlich sein, was ihnen im Laufe der Zeit half, offen und ehrlich zu anderen zu sein. Schließlich gab Ruth ihrem Vater den Diebstahl der Schokolade zu und die Freundin lernte, die kraftvollen Worte "Es tut mir leid" zu sagen.
Diese therapeutische Intuition in ihrer Kindheit und der Erfolg mit dem Umgang damit, beeinflussten ihren nachfolgenden Weg als Psychotherapeutin: Der gegenseitige Respekt zwischen Patient und Therapeutin; die Gewissheit, dass das Benennen eines Konflikts schon heilsam sein kann; das Vertrauen in die Vertraulichkeit der Therapeutin.

Als Zwischenspiel lasen Sophia und Laurie das Gedicht „Die Frage ist“, von Ruth Cohn vor:

Die Frage ist, was denn bleibt
Wenn der Schatten vergeht
Und grelle Farben das Pastell verwunden?

Die Frage ist, was denn bleibt
Wenn sich der Humus löst
Und nackter Felsen starrt
Wo wir Brot pflanzen wollten?

Die Frage ist, wer dann bleibt?

Auch ausserhalb der Ecole d’Humanité ist Ruth Cohn berühmt für die Erfindung und Weiterentwicklung der "Themenzentrierten Interaktion - TZI" - ein Konzept und eine Methode für die Arbeit in Gruppen. Aber was ist der Sinn dieses Konzepts und wie entstand es? Alain erklärte, dass Ruths Arbeit als Therapeutin ihr gezeigt habe, dass selbst die unterschiedlichsten Menschen etwas gemeinsam haben: ein Thema. Daraus entwickelte sie das bekannte Dreieck, in welchem in jeder Ecke ein Wort steht: "Ich" für das Individuum, "Wir" für die Gruppe und schließlich "Es" für das Thema. Alle drei Bereiche werden von der Umwelt beeinflusst, was durch einen, das Dreieck umrundenden Kreis dargestellt wird.

Ruth war auch überzeugt, dass die, die einen eigenen Beitrag zum Thema finden, viel schneller lernen. Alain unterbrach seine Geschichte, als er einen Schüler beobachtete, der nicht aufpasste. Er erinnerte die Versammlung daran, dass Ruth sagte, die durchschnittliche Person könne sich nur für sieben Minuten konzentrieren! In dieser Aussage und in all ihrem Unterricht hat Ruth Alain beigebracht, wie man mit jemandem umgeht, der nicht so ist, wie man es gerne hätte. Man kann die andere Person nämlich nicht ändern, sondern nur sich selber!

Ecole Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen erfuhren auch von Ruths politischem Engagement. Zur Zeit der Apartheid in Südafrika lud sie den Botschafter von Südafrika an die Ecole ein! Nicht nur erlebte er ein normales, "einfaches" Ecole-Mittagessen im Osthaus, sondern vermutlich wurde er auch von Ruth überrascht, die ihn in ihrer Mittagessen-Diskussion und in der Schulgemeinde im alten Turmhaus direkt mit „Du“ ansprach. Während der Botschafter zu rechtfertigen versuchte, dass Rassentrennung zu erhöhter Stabilität in der Gesellschaft führen würde, bestritten Ecole Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen seine Meinung mutig.

Fränzi teilte auch eine schöne Erinnerung, nämlich wie Ruth ihr beigebracht hatte, mit ihrer Wut umzugehen. Fränzi musste lernen, zuerst die Gefühle zu erkennen und sogar festzustellen, wo sie das Gefühl, den Schmerz oder die Frustration in ihrem Körper spüren kann. Nur dann konnte sie endlich die Gefühle zur richtigen Zeit und am richtigen Ort loslassen, auch wenn das bedeutete, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, bevor sie sich mit etwas anderem beschäftigte.

Obwohl Ruth Cohn vor acht Jahren verstorben ist, leben die Werte und Ideen, die sie an die Ecole gebracht hat, in unseren täglichen Praktiken und Traditionen weiter:

• Das "Ruth Cohn Dreieck" ist den Ecole SchülerInnen sehr bekannt, da es als Grundlage für Reflektion und Diskussion in Feedbacks dient (Wir verteilen keine Noten, begleiten aber die Jugendlichen persönlich und geben ihnen laufend Feedback zu ihren Entwicklungsschritten, den selber gesetzten Zielen und Lernerfolgen. Die Schülerinnen und Schüler üben sich in der Selbsteinschätzung ihrer Lernleistungen).

• Vor genau einem Jahr (Oktober 2017) eröffnete die Ecole das neue Eberhard Berent-Haus, in dem auch die Bibliothek untergebracht ist. Der einstige Bibliotheksraum wurde dann einstimmig zum "Ruth Cohn Zentrum" umbenannt, da sie so sehr am Bau der ersten Ecole-Bibliothek beteiligt war. Heute ist das Ruth Cohn Zentrum ein gemütlicher Raum, in dem nicht nur akademische Kurse stattfinden, sondern auch Nachmittagsunterricht (Yoga, Theater, Meditation) und spezielle Treffen (Frauen- und Männerabende). Zudem bietet er Schülerinnen und Schülern (sowie Lehrerinnen und Lehrern) die Möglichkeit, sich während ihrer freien Zeit zu begegnen und auszutauschen.

• Nicht zuletzt leben Sigrid und Ernst derzeit in Haus Dunkel, dem Ort, an dem Ruth während ihrer Zeit an der Ecole lebte. Als sie zum ersten Mal auf dem Balkon stand und den wunderschönen Blick auf die Alpen einnahm, soll sie ausgerufen haben: "Vielleicht kann ich hier Gott finden!"

Ruth Cohns Lehren und Schriften beeinflussen weiterhin die Ecole d'Humanité. So zum Beispiel folgende wesentliche Erkenntnis, aktueller denn je: "Eine Gruppe wird nicht stärker, wenn die Menschen ihre Individualität verlieren. Sie wird stärker, wenn die Menschen sich in ihrer Gemeinschaft verwirklichen und sich in Bezug auf andere und in der Hingabe an die jeweilige Aufgabe erleben können."

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