Was ist gute Bildung fürs 21. Jahrhundert?

Samstag, 15. September 2018

Seit Ihrer Eröffnung 1946 auf dem Hasliberg, verfolgt die Ecole d'Humanité eine ganzheitliche Bildung, welche Jugendliche fürs Leben schult. Dabei fördert sie Kompetenzen und Fähigkeiten, die nun auch in den neuen Lehrplan 21 aufgenommen wurden. Doch was ist das Geheimnis guter Bildung?
Von June Vinhateiro, Leitung Aufnahme für das US System

Ihren Ursprung haben die Prinzipien der Reformpädagogik vor über einem Jahrhundert in den Idealen der sozialen Verantwortung und der Demokratie. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert waren dies radikale Bildungsideale. Und noch heute sind diese Ideale so relevant wie eh und je. Fortschrittliche Ideale und Praktiken dienen heute als Vorlage für die Entwicklung von «Fertigkeiten des 21. Jahrhundert» – diese Attribute und Kompetenzen, die für die Studierenden unerlässlich sind in ihrer Vorbereitung auf Leben und Arbeit im Informationszeitalter.

Die heutige Reformpädagogik ist geprägt von den Theorien der Erziehungsphilosophinnen und -philosophen wie John Dewey, Maria Montessori, Rudolf Steiner und Paul Geheeb, welcher zusammen mit seiner Frau Edith Geheeb-Cassirer die Ecole d’Humanité gründete. Sie beinhaltet Aspekte wie die Unterstützung zur aktiven Teilnahme der Schülerinnen und Schüler am Unterricht, intensive Naturerlebnisse, die Entwicklung von kritischem Denken und von Problemlösungskompetenzen, die Förderung von Zusammenarbeit unter Gleichaltrigen, die Integration der Künste in den Kurrikulum, die Förderung intrinsischer Motivation (Neugierde und Lernantrieb) gegenüber extrinsischer Motivation (eine Sechs erhalten), der Förderung des Gemeinschaftssinns sowie die Beurteilung der Schülerinnen und Schüler durch narrative Auswertungen statt mit Noten.

Seit der Jahrhundertwende haben Pädagoginnen, Sozialwissenschaftler und Wirtschaftsführende erkannt, dass Wissen in Abwesenheit von Fertigkeiten nicht mehr ausreichend ist für die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf Erfolg an der Universität und dem Arbeitsplatz. Studierende müssen Inhalte heutzutage nicht nur beherrschen, sondern sie auch selber erschaffen können. Die notwendigen «Fertigkeiten des 21. Jahrhunderts» hat die «National Educational Association» mit den «Vier Ks» zusammengefasst: Kritisches Denken und Problemlösung, Kommunikation, Kooperation, Kreativität und Innovation. Dazu gehören auch die Fertigkeiten und Aspekte der Ausdauer und Selbststeuerung, Recherchefähigkeiten, Sozialkompetenz, Gerechtigkeitsbewusstsein und Umweltkompetenz.

Diese lebenswichtigen Fertigkeiten wurden erst recht kürzlich im Mainstream der Bildungstheorie anerkannt. Sie orientieren sich genau an den jahrhundertealten Grundsätzen der Reformpädagogik, auf denen die Ecole d‘Humanité basiert sowie an den gelebten Erfahrungen unserer Schülerinnen und Schüler.

Die Ecole d’Humanité verbindet die historischen Prinzipien der Geheeb‘schen Pädagogik mit dem Denken und mit den Werkzeugen des 21. Jahrhunderts. Sie ist bestens dafür ausgerüstet, ein fest verwurzeltes Lernumfeld anzubieten, in welchem sich die Schülerinnen und Schüler auf die sich rasant verändernden Landschaften von Karrieremöglichkeiten und von persönlicher Verwirklichung vorbereiten können. Die sich daraus ergebenden wesentlichen Fähigkeiten entwickeln sich nicht nur in unseren kleinen, diskussionsbasierten akademischen Klassen, sondern eben auch in unseren Nachmittagskursen, die eine gut organisierte Hälfte unseres Schultags ausmachen.

Outdoor Erfahrungen sind für das Verständnis von Umweltthemen und für das persönliche Wohlbefinden unverzichtbar. An der Ecole d’Humanité sind wir von einem spektakulären Bergpanorama und von Klängen der alpinen Bäche und Winde umgeben. Diese sind genauso Teil unserer Schulerfahrung wie Hausaufgaben, Bibliotheksbücher und der Gong. Zusammenarbeit, Problemlösung und Beharrlichkeit sind zentrale Elemente der innovativen Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts. Dieselben Fähigkeiten werden auch in unseren mehrtägigen Wanderungen in den Schweizer und in den Italienischen Alpen geübt. Die Wanderungen fordern eine ständige Anpassung an die örtlichen Bedingungen und an unvorhergesehene Umstände sowie die Zusammenarbeit bei der Zubereitung der Mahlzeiten in der Wildnis. Jede/R Einzelne unterstützt die Gruppe und die Gruppe unterstützt jeden Einzelne/n. Und es wird darauf beharrt, weiter zu gehen, wenn Muskeln und innere Müdigkeit etwas anderes vorschlagen.

Sich einem kreativen oder intellektuellen Prozess zu widmen – der Kunst, dem Theater, der Musik, einer Idee – stärkt das Selbstvertrauen. Und es ermöglicht den Schülerinnen und Schülern, kreative Risiken einzugehen. Sie werden dabei unterstützend begleitet und der Prozess kann entweder mit der ursprünglichen Vision übereinstimmen oder auch nicht. Die Intensivwoche an der Ecole d’Humanité unterstützt diesen Prozess noch weiter, denn wir schenken den Jugendlichen Zeit. Eine ganze Woche, um einer einzigen Idee, einer einzigen Frage oder einem einzigen Projekt nachzugehen.

An der Ecole d’Humanité verfolgen wir den Gedanken, dass Selbstwirksamkeit gelegentlich einen kurzen Ausflug in die Langeweile nehmen kann – was jedoch selbst einen Katalysator für Innovation darstellen kann. Wir fördern herausfordernde Fragen und heissen Fehler willkommen, im Wissen, dass sie die Entwicklung kritischen Denkens und der Problemlösung fördern. SchülerInnenzentrierte Bildung kann ein bisschen unbequem sein, aber das Ergebnis lohnt die Mühe!

Fähigkeiten für das 21. Jahrhundert zu vermitteln, erfordert kein vollständiges Eintauchen in die Unordnungen des 21. Jahrhunderts. Vielmehr steigert die solide Verwurzelung in körperlicher Arbeit, in künstlerischem Ausdruck, in der authentischen Beziehungsfähigkeit und der Kreativität, welche Eigenständigkeit bedingt – im Gegensatz zur hartnäckigen Abhängigkeit von passivem Konsum – die Bereitschaft, sich neue Fähigkeiten anzueignen.

An der Ecole werden unsere Tage und Wochen von Aktivitäten und Verantwortlichkeiten gezeichnet, welche uns im Hier und Jetzt verankern: Ziegen hüten, unsere Räume pflegen mittels der täglichen Putzpause, Beherrschen der erforderlichen neurologischen Fähigkeiten zur komplexen Ausführung eines traditionellen Volkstanzes oder Zeit zum Nachdenken nehmen, während einer Andacht.

Die Grundsätze, auf welchen die Geheebs die Ecole aufbauten – Selbstständigkeit, Gemeinschaftssinn, Naturverbundenheit, Vertraulichkeit in der Familienstruktur, Engagement für kreativen Ausdruck und präzise Intellektualität - sind symbolisch für die Wichtigkeit der Entstehung progressiver Bildung sowie deren uneingeschränkte Relevanz im 21. Jahrhundert. Die Ecole d’Humanité bereitet junge Menschen auf eine Zukunft vor, welche wir alle nicht kennen. Umso wichtiger ist es für uns, dass Edith und Paul Geheeb klare Ideen hatten – Wertvorstellungen, aktueller denn je.

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