"Durch respektvollen Dialog gewinnen Schüler Selbstvertrauen"
Frédéric Bächtold über die Philosophie und gelebte Pädagogik an der Ecole d'Humanité.
[Prager Zeitung vom 15. Januar 2004]

"Entdecken, erleben und erfahren" - so lautet das Motto der Ecole d'Humanité. Das Schweizer Internat zählt aufgrund seines erfolgreichen Konzepts zu den renommiertesten Schulen Europas. Peter Frehner sprach mit Frederic Bächtold, Mitglied der Schulleitung, über die pädagogischen Leitsätze der Ecole d'Humanité.

Seit bald 30 Jahren umschreibt die Ecole d'Humanité ihre Pädagogik mit dem Leitsatz "Lebendiges Lernen ".- Wieso?

Bächtold: "Lebendiges Lernen" bedeutet für uns Lehrkräfte und die Schüler und Schülerinnen, sich auf sinnstiftende Herausforderungen einzulassen und diese aktiv mit allen Sinnen zu erfassen und zu meistern. Dadurch schaffen wir eine ermutigende und motivierende Lernatmosphäre: Bei uns herrscht keine Langeweile durch Unterforderung oder Angst vor Überforderung beziehungsweise Misserfolg. Durch den respektvollen Lerndialog gewinnen die Schüler Selbstvertrauen und packen so die nächsten Herausforderungen begeistert und aus einer Position der Selbstsicherheit an. Besonders belebend wirkt sich die Internationalität unserer Lebens- und Lerngemeinschaft aus, sowie die alltägliche Präsenz der Weltsprache Englisch.

Behaupten dies nicht alle Internate - oder besser- Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um dieses Versprechen einlösen zu können?

Bächtold: Unser flexibles Kurssystem macht die Jahrgangsklassen überflüssig: Nicht das Alter sondern die individuellen Fähigkeiten bestimmen Lerninhalte und Tempo. Die kleinen Lerngruppen von durchschnittlich etwa acht Schülern machen eine sehr individuelle Förderung möglich - und schaffen ein austauschförderndes Arbeitsklima, das sich äußerst effizient auf den Lernerfolg auswirkt. Die Wirtschaft macht uns das vor: Leistungsfähige Projektteams sind kaum größer als acht bis zehn Personen. Zudem beschränkt sich die Ecole d'Humanité während jeweils sechs bis acht Wochen auf lediglich drei verschiedene Fächer, in denen die Lerninhalte vertieft bearbeitet werden. Wissenschaftliche Untersuchungen in der Hirnforschung belegen heute, was unsere Gründer,durch jahrelanges Beobachten schon lange gewusst haben: Die Konzentration auf wenige Themen und die sinnhafte, umfassende Auseinandersetzung mit den Lerninhalten fördern die Verankerung und die lebenslange Lernbereitschaft und Lernfähigkeit.

Welche Bedeutung kommt den Lehrkräften zu?

Bächtold: Begeisterte und begeisterungsfähige Lehrkräfte spielen auch in der Ecole d'Humanité eine absolut zentrale Rolle. Trotz großem zeitlichem Engagement leben und arbeiten bei uns sehr viele dieser außergewöhnlichen Lehrkräfte. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass sie - um mit Professor Howard Gardener zu sprechen - hier Stoffe und Inhalte vermitteln können, von denen sie begeistert sind. Dadurch geben sie den Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit, "Romanzen" mit diesen Lern- und Lebensinhalten einzugehen. Diese ansteckende Form der Zusammenarbeit führt bei Schülern und Lehnkräften zu einer "Langzeit-Zufriedenheit", die als präventives Mittel gegen die verbreiteten Burn-Out-Syndrome äußerst wirksam ist. Die Lust auf eben dieses "Lebendige Lernen" ist eine der besten Voraussetzungen für lebenslanges Lernen.