Warum ist die Ecole für viele Kinder ein Ort,
an dem sie gut aufwachsen, an dem sie gedeihen?

Aus einer Rede von Armin Lüthi in Cottbus
im Herbst 1999

Ich habe vor einigen Wochen in Cottbus - fast an der polnischen Grenze - wieder einmal unsere Schule vorstellen und erklären können. In den Sommerferien hatte ich viel Zeit für die Vorbereitung aufgewendet.
Mich beschäftigte vor allem die mir oft gestellte Frage: Warum ist die Ecole für viele Kinder ein Ort, an dem sie gut aufwachsen, an dem sie gedeihen? Andrew Isbester fragte einmal: "What's the secret of this school? You accept some rather screwed-up kids, nothing special happens - and after a while these same kids are totally normal"

Kürzlich war Shantu Banerjie hier, und auch er wundert sich: die 2 1/2 Jahre von 1979 - 1981 waren nur glücklich. Ich habe dies in Frage gestellt, aber trotz allen Bemühens kann sich Shantu an keine Trübung erinnern, wohl aber daran, dass er sein erstes spirituelles Erlebnis hier hatte, das ihn heute noch begückt und seinem Leben Form gibt. Wie bei Isbester: Nothing special happened or was arranged.

Was ist Erziehung?

Wann gelingt sie, wann nicht? Es ist mir aufgefallen, dass in neuen Katalogen über Pädagogik fast ausschließlich Bücher angepriesen werden, die sich mit Unterricht befassen (z.B.: Katalog Sauerländer: "Pädagogoik", Sept. 1999). In 3 Buchtiteln erscheint das Wort "Bildung", aber es geht auch da nur um Unterricht. Dies ist sicher kein Zufall. Erziehungstheoretiker sind heute sehr viel vorsichtiger und bescheidener als z.B. die Gründerväter der Landererziehungsheime, die glaubten, durch Erziehung die Welt wesentlich verändern zu können. In der Erziehung gibt es so unendlich viele Variablen, dass jeder Versuch, diese Gleichung aufzulösen, ins Leere laufen kann / muss.

Was also ist Erziehung an der Ecole d'Humanité?

Es ließe sich manches aufzählen, was als erzieherischer Impuls gesehen werdne kann: unsere Ermutigungsstrategien, das was Ruth Cohn "Pädagogik als antizipierende Therapie" genannt hat usw. Auch der Name unserer Schule enthält ein erzieherisches Programm, eine Ecole d'Humanité, einer Schule der Menschheit soll sie sein.

Durch meine gedankliche Auseinandersetzung mit dem, was wir hier tun und meine Arbeit im Archiv glaube ich Paul Geheeb's Absichten endlich besser zu verstehen. Er hat immer wieder den Lehrerberuf als Beruf in Frage gestellt. Pädagogisch tätig solten Menschen sein, die auf irgend einem Gebiet Meisterschaft erreicht haben und die dann die junge Generation an ihrem Leben und Arbeiten teilnahmen lassen. Erzieherisch wirksam wird nicht die gewollte Intention, nicht die organisierte Einwirkung, sondern allein die reife, erwachsene Persönlichkeit der Männer und Frauen, die die Schulgemeinschaft tragen, die den Raum und die Gestimmtheit schaffen, worin Jugendliche aus eigener Kraft, in dosierter Freiheit ihre eigene Form finden.

Auch wenn Geheeb's radikale Forderung heute weit von jeder denkbaren Realisierung entfernt ist, so bleibt die zentrale Aussage bestehen: alle angestrengte Erziehungsaktivität bringt nicht das Entscheidende. (Das hat übrigens die Esstörungs-Expertin aus Thun auch gesagt, dass nämlich unser Reden weniger wirksam sei als unser "Sein". Ob sie sich der Radikalität dieserr Aussage bewusst war, möchte ich bezweifeln.)

Die Persönlichkeit also! Was aber zeichnet eine solche Persönlichkeit aus, wie wird man zu einer solchen Persönlichkeit? Geheeb hat oft Humboldt zitiert: "Der wahren Moral erstes Gesetz: Bilde dich selbst. Und erst ihr zweites: Wirke auf andere durch das, was du bist!" Mir scheint es immer unabdingbarer, dass ein reifer, wirklich erwachsener Mensch eine Balance erreiche zwischen dem, was man seit der amerikanischen Declaration of Independence als "pursuit of happiness" bezeichnet, als Streben nach mehr Lebensglück einerseits und der willigen Akzeptanz der Gegebenheiten, der Realitäten und Einschränkungen, die einem das Leben auferlegt, andererseits. Ein harter Widerspruch, aber er ist unvermeidlich. Jeanne Hersch, die Genfer Philosophie, sagt: "Mensch sein heißt, Widersprüche ertragen, sich mit ihnen konfrontieren und sie annehmen." (Damit fällt auch der gelegentliche Vorwurf an uns, man könne nicht zu Autonomie erziehen und gleichzeitig das Rauchen oder exzessiven Musikkonsum verbieten, dahin.)

Es ist durchaus legitim, das Glück, mehr Glück in seinem Leben zu suchen, seine Lebensumstände verbessern zu wollen. Wird dieses Streben aber dominant, so führt es zu lebenslanger Unzufriedenheit, zu einem egozentrierten Überlebenskrampf: Der Primarlehrer, der viel lieber ein Sekundarlehrer wäre, der Sekundarlehrer, der sich eigentlich als Gymnasiallehrer versteht und er Gymnsiallehrer, der dem Professortitel nachtrauert, das sind traurige Beispiele für die nicht gefundene Balance. Nur wer die Balance herstellen kann: wer sich auch bescheiden kann, seine Möglichkeiten aber auch seine Grenzen annimmt, wer auch zufrieden sein kann mit dem, was ihm gegeben ist, wird erzieherisch so wirken, wie Geheeb das versteht.

Eine Erziehungsgemeinschaft braucht also eine Mehrheit von Menschen, die in einer Sache hochkompetent sind und die mit Freude und Verwunderung die Entwicklung von Kindern beobachten und miterleben und die die Kinder nicht als Störfall erleben, den man mit möglichst trickreichen Methoden beheben muss. (Ein Mtarbeiter nach seiner Kündigung zu Edith: "Hier ist es sehr schön - wenn bloß die Kinder nicht wären!")

Ich bin immer noch auf der Suche nach dem Erfolgsrezept...

Eine Leiterin eines Landererziehungsheimes sagte kürzlich zu Natlie und mir: "Offensichtlich habt ihr in der Ecole über Vieles sehr viel genauer nachgedacht als wir, da müssen wir aufholen." Es ist eine Besonderheit von Edith und Paul Geheeb und ihrer Schulkonzeption, dass darin Alles mit Allem zusammenhängt, dass jede Einrichtung, jede Maßnahme gemessen wurde an Einsichten, auch an Theorien und Hypothesen. Nichts wurde von Tag zu Tag entschieden je nach momentaner Laune, Verfassung oder gar durch Zuall.
Manches musste verändert oder aufgegeben werden. Möglicherweise aber liegt gerade im konsequenten Durchhalten einer komplexen Gesamtschau eine mitentscheidende Antwort auf die Frage, was denn die immer wieder erstaunlichen Erfogle der Ecole ausmache.